Die Haltung der Evangelischen Kirche im Dritten Reich
Einleitung
Hitler suchte scheinbar ein gutes Einvernehmen mit den Kirchen. Eingehende Untersuchungen über das Verhältnis von Kirche und Staat zeigen jedoch, dass das Ziel nationalsozialistischer Kirchenpolitik der Ausschluss der Kirche aus dem gesellschaftlichen Leben war. Der Nationalsozialismus sollte selbst religiöse Geltung bekommen.
Wie verhält sich die evangelische Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus?
Zustimmung zum NS-Regime
Kirchenpolitische Bewegung Deutsche Christen
Die evangelische Kirche bestand seit 1922 aus 28 Landeskirchen, die völlig selbstständig und unabhängig voneinander waren. Sie waren nur durch eine Dachorganisation, dem evangelischen Kirchenbund, verbunden. Innerhalb dieser Gemeinschaft behielten die einzelnen Glieder ihre volle Unabhängigkeit in Bekenntnis, Verfassung und Verwaltung. Deshalb gab es schon immer Spannungen in ihr.
So konnte sich eine Splittergruppe, die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, 1932 von ihr abspalten. Diese verstand sich als „SA Jesu Christi“ und hatte den Plan, die Kirche gleichzuschalten und von den „alten reaktionären Kirchenbehörden“ zu befreien. Sie forderte den Zusammenschluss der 28 Landeskirchen in einer straff zentralisierten Reichskirche und wollte ein entchristlichtes Volk mit Hilfe der NSDAP in die Kirche zurückführen. So konnte sich leicht der Königsberger Wehrkreispfarrer Müller, ein von Hitler ernannter Vertrauensmann, die Führung dieser Gruppe an sich reißen und Reichsbischof werden.
Das Ziel der Deutschen Christen war eine fast vollständige Synthese von Nationalsozialismus und Christentum. Sie bekannten sich zum "positiven Christentum" und in ihrer neuen Lehre fanden sich zahlreiche nationalsozialistische Floskeln:
„...Wie jedem Volke, so hat auch unserem Volke der ewige Gott ein arteigenes Gesetzt eingeschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses Gesetz spricht zu uns, in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes, Die Treue zu diesem Gesetz fordert von uns den Kampf für Ehre und Freiheit.“(Ausschnitt aus ihren Richtlinien 1933)
Sie waren für die Reinerhaltung der Rasse und die Diskriminierung von Mitleid und Wohltätigkeit. Diese Ideen erklären auch ihre Zustimmung für den Antijudaismus und die Euthanasie-Aktion in späteren Jahren.
Die evangelische Kirche im 2. Weltkrieg
Die Kriegführung der Nationalsozialisten blieb von der Evangelischen Kirche weitgehend unbeanstandet. Sie stellte den Krieg nicht in Frage. Natürlich gab es im Verlauf der Jahre immer weniger Möglichkeiten, Stellungnahmen gegen den Krieg in Umlauf zu bringen. Doch noch in den Jahren, in denen der Krieg von den Deutschen längst nicht mehr gewonnen werden konnte, formulierte die Evangelische Kirche Durchhalteparolen und motivierte die Soldaten zum Opfergang. Die Kirche wollte zeigen, dass sie vorbehaltlos zu Volk und Vaterland stand.
Der geistliche Vertrauensrat zum Beispiel versicherte dem Führer zu Beginn des Entscheidungskampfes im Osten "Treue und Einsatzbereitschaft" und erklärte sich bereit, den Kampf "gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kulturen" aufzunehmen und mit "gewaltigen Schlägen" endlich den "Pestherd" zu stürzen.
Ablehnung des NS-Regimes
Widerstand der Bekennenden Kirche
Im November 1933 wandten sich sehr viele Gläubige von den „Deutschen Christen“ ab und gingen über zu der „Bekennenden Kirche“. Der Anlass dafür war eine Kundgebung der Deutschen Christen, in der gefordert wurde, Jesus als heldisch germanisch zu verkünden und das Alte Testament abzuschaffen.
Gegen die Deutsch-Christliche Machtergreifung formierten sich die bisher zersplitterten Widerstandskräfte des evangelischen Christentums. Als Pfarrer und Kirchenbeamte jüdischer Abstammung aus ihren Kirchenämtern entlassen werden sollten, gründete der Pfarrer Martin Niemöller einen „Pfarrernotbund“ zur Verteidigung des evangelischen Bekenntnisses gegen Politisierung, Zwang und Antisemitismus. Pfarrernotbund und Laien vereinigten sich zur „Bekennenden Kirche“
Sie kritisierte jede Verfälschung des Evangeliums:
„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes, auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestallten und Wahrheiten al Gottes Offenbarung anzuerkennen...“ (Aus der Barmer Erklärung vom Mai 1934)
Die „Bekennende Kirche“ bildete gegen den Reichsbischof eine förmliche Gegenregierung und richtete für die jungen Theologen eigene Predigerseminare und Prüfungsämter ein.
Hitler musste erkennen, dass die Eroberung der Kirche von innen her gescheitert war. Sein Plan, von einer „Nationalkirche“ war fruchtlos.
Offener Kirchenkampf
Nun versuchte die NS Regierung, die Kirche von außen zu bezwingen. Sie ließ die Gottesdienste polizeilich überwachen, entzog den Kirchen das Kirchengeld, und verhaftete viele Geistliche. Zudem machte sie Kirchenaustrittspropaganda, was zur Folge hatte, dass im Jahr 1937 die Zahl der Kirchenaustritte auf 320 000 gestiegen war.
Im Mai 1936 verfasste der radikale Flügel der Bekennenden Kirche eine Denkschrift an Hitler, in der man Kritik am NS-Staat übte und gegen die Verletzung der Menschenrechte protestierte. Sie kritisierte nicht nur die Verfolgung des Christentums, sondern auch den politischen Antisemitismus, die Zerstörung des Rechtsstaates durch KZ und Gestapo, die Knebelung der Presse und der Meinungsfreiheit.
Viele Pfarrer und Mitarbeiter der Bekennenden Kirche wurden in "Schutzhaft" genommen, gefoltert und getötet. Vor allem Martin Niemöller war ein Symbol der kirchlichen Opposition. Durch seinen Widerstand gegen die Staatsgewalt blieb er bis zum Kriegsende als persönlicher Gefangener Hitlers in Konzentrationslagern.
Aktiver Widerstand von Dietrich Bonhoeffer
Zu den nationalsozialistischen Machthabern hatte der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von Anfang an ein ablehnendes Verhältnis. Im September 1940 schloss er sich dem bürgerlichen Widerstand um Beck und Goerdeler gegen die NS-Diktatur an, denn er war über alle Seiten des Nationalsozialismus informiert:
- Die Verfolgung der Juden, die er im eigenen Familienkreis erlebte
- Die Vernichtung des „lebensunwerten“ Lebens, über die sein Vater, ein Professor der Psychiatrie, ihn informieren konnte, da auch dessen Patienten betroffen waren
- Die Nachtrichten über die Verbrechen der Nazis an den Gefangenen und an der Bevölkerung der besetzten Länder
Weitere Gründe für seinen aktiven Widerstand waren:
- Die Behinderung seiner eigenen Arbeit: 1937 wurden die Predigerseminare der Bekennenden Kirche, wo er mitarbeitet, von der Gestapo geschlossen. 1940 erhielt er Redeverbot und Meldepflicht
- Die Enttäuschung, die ihm seine Kirche bereitete. In einem „Schuldbekenntnis“ griff er deren Haltung an:
...Die Kirche bekennt ihr Furchtsamkeit, ihr abweichen, ihre gefährlichen Zugeständnisse. Sie hat ihr Wächteramt und ihr Trostamt oftmals verleugnet. Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldigen Barmherzigkeiten verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen...
1943 wurde er verhaftet und im April 1945 in Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.
Zusammenfassung
Anfängliche Sympathien in der evangelischen Kirche und die Spaltung der Protestanten in „Deutsche Christen“ und „Bekennende Kirche“ verhinderte einen geschlossenen Widerstand der Kirche gegen das NS-Regime. Die Kirche erkannte nicht die heraufziehende Gefahr und es kam zu unverantwortlichen Kompromissen in Kirchenfragen mit dem Regime. Es gelang Hitler immer wieder, die Kirchen zum Rückzug zu zwingen. Erst im Jahre 1936 protestierte die Bekennende Kirche gegen Konzentrationslager und organisierte Massenmorde. In einigen Gemeinden waren Christen immer wieder bereit, aus ihrem Glauben heraus Widerstand zu leisten. Die Kirchenleitungen wollten den passiven Widerstand einzelner allerdings nicht mittragen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Daher kann sie auch nicht als politische Widerstandsgruppe bezeichnet werden. Aber man muss beachten, welche Folgen kritische Reden oder gar staatsfeindliches Handeln hatten.
Quellenangaben:
- Chronik des 20. Jahrhunderts. Braunschweig 1982
- Das historische Grundwissen. Stuttgart 1966
3. Denzler, G., Fabricius, V. : Die Kirchen im Dritten Reich
- Entdecken und Verstehen, Bd. 4. Berlin 1995
- Grundzüge der Geschichte, Bd. 4, Frankfurt 1969
- Grundzüge der Geschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart. Frankfurt 1996
- Grundzüge der Geschichte. Quellenband ||. Frankfurt 1967
- Geschichte und Geschehen, Bd. C4
- http://projects.brg-schoren.ac.at/Nationalsozialismus/Kirche.html